Die letzten Kinder von Schewenborn by Gudrun Pausewang

Die letzten Kinder von Schewenborn by Gudrun Pausewang

Author:Gudrun Pausewang [Pausewang, Gudrun]
Language: deu
Format: epub
Tags: Politik, Kinder
Publisher: Ravensburger Buchverlag
Published: 2012-12-03T23:00:00+00:00


8

Noch im September zeigten sich die ersten Fälle von Strahlenkrankheit unter den Schewenbornern. Sie liefen anders ab als bei den Leuten aus der Fuldaer Gegend, die ich in den Wochen nach dem Bombentag im Hospital beobachtet hatte. Damals waren die meisten Kranken schnell gestorben. Die Schewenborner siechten dahin. Nur bei ein paar Kindern ging es schneller. Sie starben an Leukämie.

»Jetzt geht es los«, sagte der Vater, als er mit mir allein war. »Der schleichende Tod. Früher oder später sind wir alle dran. Es kommt nur auf die Reihenfolge an. Und es geht hübsch langsam, damit niemand in Panik gerät.«

Er hatte recht. Es wurde kein Massensterben daraus. Es wurde langsam und einsam gestorben, mal einer hier an Blutkrebs, mal einer dort an unaufhörlichem Darmbluten und Bluterbrechen, aber immer an der gleichen Ursache: den radioaktiven Strahlen.

Es wurde Oktober, es wurde November, es begann zu schneien. Jens konnte sich nicht mehr an den letzten Schnee erinnern. Er war außer sich und versuchte, die Flocken zu fangen. Ich machte mit ihm eine kleine Schneeballschlacht. Ganz verdutzt schaute Frau Kramer aus dem Nachbarhaus. So ein Gelächter hatte sie schon lange nicht mehr gehört. Oder vielleicht doch? Denn sie hatte in der Typhuszeit, als sich niemand mehr um die Kinder im Schloß gekümmert hatte, zwei von ihnen bei sich aufgenommen. Das eine war bald an der Ruhr gestorben, das andere lebte noch, ein sechsjähriges Mädchen mit Brandnarben an den Händen. Seitdem sie das Kind bei sich hatte, machten ihr die Leute, bei denen sie untergekommen war, große Schwierigkeiten. Trotzdem behielt sie es.

Meiner Mutter schossen Tränen in die Augen, als sie uns zuschaute. Sicher dachte sie an Kerstin und Judith. Kerstin hatte ein Jahr zuvor auch mit solcher Freude den ersten Schnee begrüßt.

Die Streichhölzer gingen aus. Großvaters Feuerzeug war schon längst leer, sogar der Feuerstein war abgenutzt. Von nun an mußten wir auch über Nacht das Feuer in Gang halten - wenigstens so, daß wir am nächsten Morgen noch einen Holzspan an der Glut entzünden konnten. Fast jeden Tag klopfte jemand an die Tür: »Haben Sie ein bißchen Glut für mich, Frau Bennewitz?«

Aber manchmal waren wir so müde, daß wir das Nachlegen verschliefen. Dann war am nächsten Morgen der Herd kalt, und ich mußte in der Nachbarschaft nach Glut fragen gehen. Feuer war jetzt das Allerwichtigste außer Essen.

Essen? Hätte man uns früher solche Notgerichte vorgesetzt, hätten wir uns geweigert, davon zu essen. Wie oft hatte unser Vater nach Urlaubsreisen Bekannten erzählt: »Die Lage des Hotels war optimal - direkt am Strand. Aber das Essen! Der reinste Fraß.« Dabei waren die Schnitzel nur ein bißchen zäh und die Suppen zu übertrieben mit Knoblauch gewürzt gewesen. Auf dieses Hotelessen hätten wir uns jetzt mit Heißhunger gestürzt und hätten es köstlich gefunden, auch wenn uns Tintenfisch mit Marmelade serviert worden wäre!

Jetzt gab es fast jeden Tag Steckrüben und Kartoffeln, mittags und abends. Und morgens aßen wir einen Brei aus Getreidekörnern, die die Mutter durch Großmutters Kaffeemühle gedreht hatte - ohne Milch und Zucker, nur in Wasser aufgekocht. Und sogar mit dem Salz mußten wir sparen.



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